1.2 Kaizen

Kaizen bedeutet, mit kleinen, sehr einfachen, kontinuierlichen Schritten Veränderungen einzuleiten und umzusetzen. Diese Vorgehensweise ist die Grundlage der Agile Moves und aus unserer Sicht der beste Weg, um nachhaltige Veränderungen umzusetzen. Das Schwierige daran ist, dass er auf den ersten Blick nicht sehr eingängig ist, denn intuitiv wollen wir oft lieber sofort das Steuer herumreissen: Ab morgen wird alles anders. „Ab morgen machen ich dreimal die Woche Sport und nehme 10 kg ab.“ Leider funktioniert das nur sehr selten langfristig, denn um etwas dauerhaft zu verändern und neue Wege zu gehen, braucht es die Bahnung neuer Gewohnheiten durch kleine, sehr einfach zu bewältigende Schritte, die oft wiederholt werden müssen. Dann entsteht aus einer neu beschrittenen Route ein Trampelpfad und wird langsam zu einem neuen Weg, den wir gehen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Zwei Veränderungsstrategien

Es gibt zwei verschiedene Strategien, etwas zu verändern: Kaizen und Innovation [1]. Die meisten Menschen haben die Präferenz auf der Innovation. „Es muss sich hier sofort etwas ändern!“, „Ab morgen arbeiten wir anders zusammen!“ Wenn das funktioniert, ist das toll. Warum sollte man eine Sekunde länger als nötig in einem alten, ungeliebten Zustand verharren? Wir hören ja auch oft in den Medien von radikalen Neuanfängen, von bahnbrechenden Innovationen und genialen Geistesblitzen. Die gibt es natürlich, doch wenn man genau hinschaut, stehen oft langjährige Prozesse dahinter, die viele kleine Schritte und auch Fehltritte benötigt haben, bis der Sprung geschah. Innovationen lassen sich nicht erzwingen. Bis heute weiß niemand, wann und wie sie genau geschehen, aber der Boden kann dazu vorbereitet werden mit kleinen steigen Schritten, denn entgegen unserer intuitiven Vorstellung bestimmt die Größe eines Schrittes nicht die Größe seiner Wirkung.
 
Bei Veränderungen funktioniert das genauso: Kleine Schritte wirken oft besser und sind nachhaltiger, als die großen radikalen Maßnahmen. Das liegt unter anderem an der Funktionsweise unseres Gehirns: Größere Veränderungen oder Abweichungen von der Gewohnheit werden vom Mittelhirn als Gefahr interpretiert und lösen als Schutzreaktion Stress aus. Die Energie wird dann vom Kortex, in dem die höheren Funktionen wie Denken, Schlussfolgern und die Kreativität beheimatet sind, abgezogen und in andere Körperregionen gelenkt. Das hatte in unserer Entwicklungsgeschichte auch seine Berechtigung: Wenn plötzlich ein Raubtier auftauchte, war es nicht hilfreich, erst mal über die Konsequenzen eines Angriffs nachzudenken, sondern blitzschnell zwischen „Kampf“ oder „Flucht“ zu entscheiden.

 
Heute laufen diese Reaktionen grundsätzlich noch immer ab, meist unbewusst und auch dann, wenn wir entschlossen sind, etwas zu verändern. Wir verharren in Gewohnheiten, auch wenn wir sie nicht gut finden, denn Veränderungen sind unangenehm. Wenn wir etwas verändern wollen, geht das deshalb viel einfacher, wenn dass das köpereigene Alarmsystem (siehe auch Blogtext „Das Problem mit Veränderungen“) erst gar nicht aktiviert wird. Das geht leicht in kleinen Schritten, die zur Gewohnheit werden, bevor sie als Abweichungen erkannt werden.

Der Psychologe Jonathan Haidt [2] hat dazu eine schöne Metapher entwickelt, in der er unsere Emotionen als einen Elefanten beschreibt und unser Denken und Schlussfolgern als den Reiter. Bei schwierigen Entscheidungen und möglichen Veränderungen nimmt der Elefant gern den vertrautesten Weg, auch wenn der Reiter vielleicht woandershin möchte. Um Veränderungen umzusetzen braucht es die gemeinsame Arbeit von beiden, dem Reiter und dem Elefanten. Anstatt als Reiter den Elefanten dazu bringen zu wollen, wild einen für ihn unbekannten Weg zu erstürmen, ist es erfolgversprechender, den neuen Pfad mit kleinen Schritten zu erkunden, sich dabei sicher zu fühlen und Schritt für Schritt gemeinsam weiter voranzuschreiten.

Das sind die kleinen, einfachen Moves, auf denen das Agile Moves Framework basiert. Dann ist der Widerstand sehr gering und es werden substanzielle Veränderungen mit wenig Aufwand möglich.

[1] Maurer, R.(2012): The Spirit of Kaizen: Creating Lasting Excellence One Small Step at a Time, Mcgraw-Hill
[2] Haidt, J. (2006): The Happiness Hypothesis: Finding Modern Truth in Ancient Wisdom. Basic Books
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  5 comments for “1.2 Kaizen

  1. Wolfgang Brandhuber
    Samstag, 9. April 2016 at 1:03

    „bis der Sprung geschah“ > bis der Sprung funktioniert hat.

  2. Wolfgang Brandhuber
    Samstag, 9. April 2016 at 1:04

    „Kleine Schritte wirken besser“ > Kleine Schritte wirken oft besser

  3. Wolfgang Brandhuber
    Samstag, 9. April 2016 at 1:10

    „wenn dass das Alarmsystem erst gar nicht aktiviert wird.“ > ?

  4. Milenko Bugueno
    Mittwoch, 13. April 2016 at 19:02

    Die Analogie mit dem Trampelpfad finde ich super.

  5. Milenko Bugueno
    Mittwoch, 13. April 2016 at 19:05

    Was hat eine große Veränderung und das Fliehen vor einem Raubtier zu tun. Absatz 3 ist nicht 100% schlüssig für mich. Mir ist nicht klar, wieso große Veränderungen als Gefahr interpretiert werden

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